Jule aus Bayern verbringt ihr Auslandsjahr nach der Schulzeit mit einem AUF IN DIE WELT-Stipendium der gemeinnützigen Stiftung Mensch und Zukunft in. Sie hat sich für das Gap Year für einen Freiwilligendienst in einem Zentrum für Menschen mit Behinderung der Nähe von Antwerpen entschieden. Sie berichtet hier über die Erfahrungen.
Alles zu ihrem Auslandsjahr und zu anderen Freiwilligendienstlern sind im AUF IN DIE WELT-Blog zu sehen. Informationen und Praxis-Tipps zum Gap Year und zu Freiwilligendiensten nach der Schulzeit gibt es im AUF IN DIE WELT-Portal und im Ratgeber E-Book Gap Year.
Hallo, ich bin Jule
Ich bin 20 Jahre alt und wohne seit vier Monaten in Antwerpen. Hier mache ich einen Freiwilligendienst und arbeite in Monnikenheide, einem Tageszentrum für Menschen mit Behinderung, mit.
Die Weihnachtszeit ist in Belgien
Diesen Bericht schreibe ich gerade über die Weihnachtszeit. Das ist sehr spannend. Viele erzählen mir auf der Arbeit, wie sie diese Zeit verbringen und einige Traditionen bekomme ich auch selbst mit.
Der Nikolaus
Der Nikolaus zum Beispiel. Hier kommt er jeden November mit dem Schiff aus Spanien an. Da gibt es hier in Antwerpen ein riesiges Event an der Schelde. Begleitet wird der Nikolaus vom Schwarzen Piet, der hier tatsächlich noch schwarz angemalt ist. Ursprünglich kommt die schwarze Farbe vom Ruß aus dem Schornstein, durch den der Piet zum Geschenkebringen klettert. Mittlerweile ist er allerdings überall ganz schwarz angemalt und es sind auch weitere äußere Merkmale erfüllt, die man People of Colour zuordnet. Die Farbe erinnert also eher an eine Hautfarbe, als an Asche, was auch viel diskutiert ist.
Ich persönlich finde das nicht gut. Gerade auch mit Hinblick auf den Kolonialismus, der ein großer, dunkler Teil der belgischen Geschichte ist. Trotzdem war es schön zu sehen, wie aufgeregt die Besucher*innen über den Besuch des Nikolauses waren und wie erschrocken sie über das Chaos waren, das der Piet hinterlassen hat. Böse Kinder werden hier übrigens nicht von Knecht Ruprecht mit der Rute geschlagen, dafür aber vom Piet in den Sack gesteckt und mit zurück nach Spanien genommen. Bei uns waren zum Glück alle lieb und durften bleiben. Natürlich gab es auch Süßigkeiten vom Nikolaus.
Weihnachtsmärkte in Belgien
Zur Weihnachtszeit gehören natürlich auch Weihnachtsmärkte. Von denen waren wir mit unseren Erfahrungen aus Deutschland aber ein bisschen enttäuscht. Viel kleiner und dafür sehr teuer. Für Vegetarier*innen ist es auch schwer etwas zu essen zu finden und einen Kinderpunsch findet man auch nicht. Trotzdem, die Lichter sind natürlich schön und dank des Geruchs und der Weihnachtsmusik kommt man auch in Weihnachtsstimmung. Außerdem haben die Weihnachtsmärkte die Vorfreude auf mein Weihnachten daheim in Deutschland erhöht. Überall findet man „duitse Bratwurst“ oder „duitse Glühwein“. Das aber nur zu Weihnachten. An anderen Tagen ist die deutsche Kulinarik hier nicht so vertreten. Die Weihnachtsmärkte starten hier erst Mitte Dezember und bleiben dafür bis in den Januar geöffnet.
An Weihnachten selbst war ich gar nicht in Belgien
Nachdem ich um heim zu kommen gerade mal 5 h mit dem Zug fahre und meine Arbeit über die Feiertage sowieso geschlossen war, habe ich beschlossen die Tage für einen Besuch in der Heimat zu nutzen. Das war ein kleines Abenteuer. Ich habe mich zwar sehr schnell wieder wie daheim gefühlt, trotzdem war es sehr komisch nach so einer langen Zeit wieder Zuhause zu sein. Außerdem war ich ja nur für eine Woche da und das erste Mal nur zu Besuch. Ganz schnell habe ich aber viele vertraute Dinge wiederentdeckt, über die ich mich sehr gefreut habe. Gar nicht nur meine Familie und Freunde habe ich in den ersten Monaten hier vermisst. Ich habe mich so sehr gefreut, daheim wieder Plätzchen, echtes deutsches Brot und vor allem Laugenstangen zu essen. Und natürlich endlich einen Kinderpunsch zu trinken.
Belgische Weihnachten sind anders
Auch wenn ich nicht hier war, kann ich ein bisschen was über das belgische Weihnachten erzählen: am 24. arbeiten hier eigentlich noch alle. Das große Fest ist hier auch nicht wie bei uns am 24., sondern am 25. Dezember. An unserem Heiligabend treffen sich hier zwar oft die Familien und essen zusammen, der besondere Tag mit Geschenken und dem Festtagsessen ist aber der 25. Dezember.
Geschenke gibt es zwar, allerdings nicht so groß und so viele wie bei uns in Deutschland. Die große Geschenkeflut kommt hier in den meisten Familien schon mit dem Nikolaus Anfang Dezember. Die Weihnachtsdeko ist die gleiche. Nur wird hier der Baum schon Anfang Dezember aufgebaut was im Vergleich zu den Bäumen bei mir zuhause ganz schön früh ist. Die typische Weihnachtskrippe ist hier auch sehr wichtig. In dem Dorf, in dem ich arbeite wurde sogar eine Wanderroute durchs Dorf organisiert, auf deren Weg ganz viele Krippen in den Vorgärten der Häuser anzuschauen waren. Was auch noch typisch für Belgien oder zumindest Flandern, den niederländischsprachigen Teil ist, ist die „warmste week“. Die Woche vor Weihnachten werden dafür in der ganzen Region Spenden gesammelt. Von kleinen Organisationen, aber auch im Radio und Fernsehen. Jedes Jahr sind die Spenden für einen anderen guten Zweck. Dieses Jahr wurde für unsichtbar Kranke gesammelt. Also für kranke Menschen, denen man ihre Erkrankung nicht ansieht. Im Nachbardorf von meiner Arbeit ist eine Rehaklinik für Mukoviszidose-Patient*innen. Diese Klinik macht jedes Jahr beim Spendensammeln mit und organisiert einen Sponsorenlauf. Wir waren auch dabei. Allerdings sind wir nicht gelaufen, sondern nur eine Runde Kettcar gefahren und haben danach noch Pfannkuchen gegessen.
Zu Silvester war ich wieder zurück in Belgien
Gemeinsam mit ein paar eingeladenen Freunden haben wir hier alle zusammen in der WG gefeiert. Bei uns gab es einen Spieleabend bzw. eine Spiele Nacht mit kurzer Unterbrechung um 12 Uhr. In Antwerpen gibt es ein Böllerverbot für Privatpersonen, an das sich auch fast alle gehalten haben. Die Regelungen hier sind von Stadt zu Stadt verschieden. In Antwerpen wird als Ersatz ein großes öffentliches Feuerwerk an der Schelede organisiert, bei dem sich auch fast ganz Antwerpen versammelt. Da waren wir natürlich auch dabei. Danach wollte ein Teil noch in einer Bar weiterfeiern. Diesen Plan hatte allerdings auch halb Antwerpen, weshalb wir uns dann doch alle wieder zuhause getroffen haben.
An Neujahr war in Belgien alles geschlossen
Nach einer langen Nacht wollte ich an Neujahr mit meinem Besuch entspannt in ein Museum gehen. Aber weit gefehlt. Ich hatte gehofft, dass der Feiertag in so einer großen Stadt nicht so strenggehalten wird. Allerdings hatte nichts geöffnet. Sogar die Lebensmittelmärkte, die sonntags und über Weihnachten geöffnet haben, hatten einen Tag Pause.
Was keine große Rolle spielt ist Dreikönig
Das ist hier kein Feiertag und alle gehen arbeiten. Sternsinger gab es auf meiner Arbeit aber trotzdem. Drei Besucher*innen aus verschiedenen Gruppen haben sich verkleidet und sind wie in meinem Heimatdorf singend von Haus zu Haus über den Campus gelaufen. Und haben natürlich Süßigkeiten als Dankeschön eingesammelt.
Jule hat in Belgien eine zweite Heimat gefunden
Auch wenn ich erst vier Monate hier bin habe ich hier eine zweite Heimat gefunden und werde immer wieder an die Erlebnisse des Jahres zurückdenken. Und hoffentlich bleiben mir viele meiner Begegnungen erhalten und werden zu Freundschaften fürs Leben.
Bis Bald Eure Jule

