Jule aus Bayern verbringt ihr Auslandsjahr nach der Schulzeit mit einem AUF IN DIE WELT-Stipendium der gemeinnützigen Stiftung Mensch und Zukunft in. Sie hat sich für das Gap Year für einen Freiwilligendienst in einem Zentrum für Menschen mit Behinderung der Nähe von Antwerpen entschieden. Sie berichtet hier über die Erfahrungen.
Alles zu ihrem Auslandsjahr und zu anderen Freiwilligendienstlern sind im AUF IN DIE WELT-Blog zu sehen. Informationen und Praxis-Tipps zum Gap Year und zu Freiwilligendiensten nach der Schulzeit gibt es im AUF IN DIE WELT-Portal und im Ratgeber E-Book Gap Year.
Hallo, ich bin Jule
vielleicht haben einige von euch schon meinen ersten Freiwilligenbericht gelesen. Für alle, die mich noch nicht kennen: Ich bin 20 Jahre alt und wohne seit vier Monaten in Antwerpen. Hier mache ich einen Freiwilligendienst und arbeite in Monnikenheide, einem Tageszentrum für Menschen mit Behinderung, mit.
In meinem letzten Bericht ging es hauptsächlich um die Vorbereitungen und um meine Ankunft in Belgien. Mittlerweile ist schon ein Drittel meiner Zeit hier vorbei und ich kann euch mehr über mein Leben und den Alltag als Freiwillige erzählen.
Der Arbeitsalltag im Tageszentrum für Menschen mit Behinderung
Beginnen möchte ich mit meinem Arbeitsalltag. Das ist schließlich der größte Teil meines Freiwilligendienstes. Von meinem ersten Eindruck habe ich bereits berichtet. An dem Gefühl, willkommen zu sein, hat sich nichts verändert. Ich würde sogar sagen, dass ich sehr schnell von allen eingebunden wurde. Die Besucher*innen machen keinen Unterschied zwischen mir und den anderen „Begleiders“. Und von meinen Mitarbeiter*innen werde ich auch voll eingebunden.
Für viele Menschen mit Behinderung ist ein geregelter Tagesablauf mit einer festen Struktur sehr wichtig. Deshalb laufen die meisten Arbeitstage meistens sehr ähnlich ab:
Wenn ich morgens auf die Arbeit komme sind erst mal noch kein Besucher*innen da und wir kümmern uns um organisatorische Dinge. Steht heute etwas Besonderes an? Wer kommt alles? Während wir uns absprechen kommen die ersten Besucher*innen an. Gemeinsam wird dann der Tisch gedeckt, damit wir einen Kaffee trinken und eine Kleinigkeit essen können. Meistens ist dabei noch Zeit zum Erzählen. Nach dem Morgenkaffeesind sind die Ateliers.
Jeden Tag der Woche gibt es feste Aktivitäten, die die Besucher*innen am Anfang des Jahres wählen können. An verschiedenen Wochentagen wird gebastelt, Netbal (eine einfachere Form von Volleyball) trainiert oder Müll gesammelt. Einen Tag in der Woche knacken wir auch Walnüsse, die dann von einer Firma zu Nussöl weiterverarbeitet werden.
Nachdem gemeinsam Mittag gegessen wurde, gibt es noch eine Runde Aktivitäten. Nachmittags darf aber jeden Tag aufs Neue und eigenständig entschieden werden, wer was machen möchte. Etwas alleine tun oder ein Angebot mitmachen. Ich gehe viel spazieren oder spiele Boule. Hauptsache es ist eine Outdooraktivität. Ich habe aber auch schon mit Herbstblättern gebastelt oder jetzt in der Weihnachtszeit Plätzchen gebacken. Bevor um 16 Uhr alle nach Hause gehen gibt es noch einen Nachmittagskaffee.
Am Anfang ist mir der strikte Ablauf immer etwas langweilig vorgekommen. Mittlerweile bin ich aber schon länger da und verstehe Niederländisch. Dadurch weiß ich, dass der Tag keinesfalls immer gleich verläuft. Die Besucher*innen sind mal besser und mal schlechter gelaunt. Manchmal läuft alles glatt und entspannt und manchmal ist es richtig hektisch und anstrengend, die festen Strukturen und Zeiten für die Klient*innen aufrechtzuerhalten, weil so viel dazwischenkommt. Es gibt Streit, Traurigkeit oder andere Probleme zu lösen. Seitdem ich alle verstehe und auch dabei helfen kann ist die Langeweile verflogen.
Dazu kommt, dass wir gar nicht immer den gleichen festen Tagesablauf haben. Wir haben bis jetzt auch schon viele verschiedene Ausflüge gemacht. Zum „Notenkraker-Festival“, ein Fest der Firma die das Nussöl herstellt oder in der Weihnachtszeit zum „Pannekoeken“ essen. Dazu aber später noch mehr.
Wie Jule ihre Freizeit verbringt
Unter der Woche mache ich selten Unternehmungen nach der Arbeit. Ich wohne in einer WG und meistens essen wir zusammen. Montags gehe ich mit zwei Freundinnen zum Unisport und manchmal schauen wir Zuhause einen Film oder gehen als WG in eine Bar.
Die Wochenenden habe ich in den ersten Wochen genutzt, um meine neue Heimatstadt zu erkunden. Mittlerweile reise ich auch durch Belgien. Weil die Züge hier super günstig sind und das Land echt klein, geht das auch super mit Tagesausflügen. Oft besuche ich meine Mitfreiwilligen in Brüssel oder einen Freund in Brügge. Ich war jetzt aber auch schon mit zwei Freundinnen in Löwen und in Gent. Beide Städte sind super schön mit ihren Klinkerhäusern und den kleinen Kanälen.
Auch wenn ich bis jetzt nur in schönen Städten war, vermisse ich auch die Natur. Deshalb suche ich an manchen Wochenenden auch einfach einen Park zum Spazierengehen oder fahre mit dem Fahrrad an der Schelde entlang. Insgesamt versuche ich aber einen der beiden Tage zu nutzen, um etwas Neues zu entdecken und den anderen Tag zu entspannen.
Seminare im Freiwilligendienst in Belgien
Was auch zu meinem Alltag gehört sind Seminare. Gemeinsam mit anderen Freiwilligen lerne ich viel über die belgische Kultur und Geschichte und tausche mich über unsere Erfahrungen aus. Gemeinsam mit den Mitfreiwilligen meiner Organisation war ich auch in der Europäischen Kommission.
Dort wurden wir vom European Jewish Community Center eingeladen und haben sogar einen Preis bekommen. Der wird jedes Jahr als Dankeschön für das Engagement gegen Antisemitismus und das Einsetzen für Jüd*innen verliehen. Dieses Jahr hat meine Organisation Aktion Sühnezeichen Friedensdienste den Preis erhalten, den wir Freiwilligen entgegennehmen durften. Das war ein sehr spannendes Erlebnis. So ganz offiziell im Herzen der EU, der europäischen Kommission, eingeladen zu sein.
Bis Bald Eure Jule

