Jule aus Bayern verbringt ihr Auslandsjahr nach der Schulzeit mit einem AUF IN DIE WELT-Stipendium der gemeinnützigen Stiftung Mensch und Zukunft in. Sie hat sich für das Gap Year für einen Freiwilligendienst in einem Zentrum für Menschen mit Behinderung der Nähe von Antwerpen entschieden. Sie berichtet hier über die Erfahrungen.
Alles zu ihrem Auslandsjahr und zu anderen Freiwilligendienstlern sind im AUF IN DIE WELT-Blog zu sehen. Informationen und Praxis-Tipps zum Gap Year und zu Freiwilligendiensten nach der Schulzeit gibt es im AUF IN DIE WELT-Portal und im Ratgeber E-Book Gap Year.
Hallo, ich bin Jule.
Eigentlich wohne ich in einem Dorf im Norden von Bayern. Vor Kurzem bin ich aber für ein Jahr nach Belgien gezogen, um dort einen Freiwilligendienst zu leisten. In der Nähe von Antwerpen arbeite ich jetzt ein Jahr lang in Monnikenheide. Das ist ein Tageszentrum für Menschen mit Behinderung.
Jule hat 2024 mit den Vorbereitungen begonnen
Angefangen hat alles schon im Sommer 2024, als ich nach Auslandsfreiwilligendiensten gesucht habe. Im Herbst ging es dann los mit den Bewerbungen, und im Frühjahr 2025 war dann klar, wohin es für mich gehen wird.
Im März habe ich mit meiner Familie einen Kurzurlaub gemacht und die Vertragsunterlagen mitgenommen. Dazu habe ich ganz viele Infos zu organisatorischen Dingen, wie der Versicherung oder dem Ablauf des Freiwilligendienstes, und zu meiner Stelle bekommen. Den unterschriebenen Vertrag abzuschicken, war ein besonderer Moment. Der Freiwilligendienst war die ganze Zeit noch ein Traum, aber mit dem Unterschreiben des Vertrags ist alles realer geworden.
Damit ging es auch an die konkreten Vorbereitungen
Viele Dinge hat meine Organisation, Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, übernommen. Das hat mir einiges erleichtert, weil ich in der Zeit Abitur geschrieben habe und somit auch mit Lernen beschäftigt war. Ich musste mich zum Beispiel nicht um eine Wohnung kümmern, und die Auslandsversicherungen hat ebenfalls ASF abgeschlossen. Für mich gab es deshalb vor allem zwei große Punkte zur Vorbereitung.
Alle Freiwilligen meiner Organisation haben einen Patenkreis aufgebaut
Ich habe also nach Menschen und Institutionen gesucht, die mich, mein Vorhaben und ASF unterstützen wollen. Meist in Form einer Spende. Am Anfang war ich damit ganz schön überfordert und hätte nie gedacht, dass ich den angesetzten Betrag erreichen kann. Nach vielen E-Mails haben sich dann aber die ersten Erfolgserlebnisse eingestellt.
Ich habe einen Artikel in das Nachrichtenblatt meines Ortes gesetzt, Flyer erstellt, belgische Waffeln auf dem Markt verkauft und ganz viele Mails an Politiker*innen und verschiedene Institutionen geschrieben. Eine Politikerin hat eine Patenschaft übernommen und mich sogar zu einem persönlichen Gespräch eingeladen. Generell bin ich bei der Suche immer wieder auf nette Menschen gestoßen und hatte viele interessante Gespräche.
Die medizinische Vorbereitung
Der zweite Punkt, in den ich bei der Vorbereitung viel Zeit und Energie investiert habe, ist ein medizinischer. Ich mache aktuell eine Hyposensibilisierung gegen meine Allergien und muss dafür alle 4 Wochen zum Arzt. Auch hier in Belgien. Das ist komplizierter als gedacht. Es gab so viele Fragen zu klären: Wer übernimmt die Behandlungskosten? Wie komme ich in Belgien an die Medikamente? Oder bei welchen Ärzten kann ich mich behandeln lassen?
Natürlich gab es auch andere Dinge zu organisieren
Ich habe Vollmachten für meine Eltern ausgestellt und alle Dokumente digitalisiert, die ich zum Einschreiben bei der Uni brauche. Das muss ich nämlich von hier aus machen.
Alles zu organisieren, war ganz schön viel. Irgendwie war das aber auch eine schöne Zeit. Mit jedem Punkt, den ich abgehakt habe, bin ich dem Ziel ein Stück nähergekommen. Gleichzeitig habe ich ein immer genaueres Bild davon bekommen, was mich hier erwartet und wie mein Leben in Belgien aussehen kann.
Bevor meine letzten Tage in Deutschland angefangen haben, war ich noch zwei Wochen auf Korsika und habe eine Jugendfreizeit mit betreut. Für mich war das richtig gut. Die wichtigsten ToDos waren vorher abgehakt und ich hatte in den zwei Wochen so viel um die Ohren, dass ich kurz gar nicht an den Freiwilligendienst gedacht habe. Das war eine gute Abwechslung zu den vielen Wochen der Vorbereitung vorher.
Den Modus konnte ich zum Glück auch Zuhause behalten. Ich habe alle Gedanken an das „Weggehen“ und das FIJ (Freiwilliges Internationales Jahr) weggeschoben und konnte die letzten Tage zuhause voll genießen. Zum Glück. Vor den letzten Tagen hatte ich immer ein bisschen Angst. Ich habe gedacht, dass ich die ganze Zeit an den Abschied denken muss und eigentlich nur traurig bin. Aber ich habe die Zeit genossen, die wichtigsten Menschen noch mal getroffen und mich immer gut abgelenkt.
Erst als ich drei Tage vor Abfahrt meinen Koffer gepackt habe, kamen die Abschiedsschmerzen. Das Packen war ganz schön überfordernd. Und das Wissen, dass alles, was ich im nächsten Jahr brauche und nutze, in einen Koffer und einen großen Rucksack passt ist immer noch seltsam.
Überraschenderweise waren die meisten Abschiede okay. Vielleicht, weil ich vorhabe, an Weihnachten nach Hause zu fahren. Deswegen wusste ich, dass ich alle bald wieder sehen kann. Trotzdem gab es schwere Abschiede. Besonders von den Menschen, die ich sonst täglich oder sehr regelmäßig gesehen habe.
Und dann war er da. Der Tag der Abreise
Begonnen hat er mit dem letzten - und einem der schwersten Abschiede. Meine Familie hat mich zum Bahnhof gefahren. Dort mussten wir noch kurz warten. Mein Zug hatte Verspätung. Das war eine komische Zeit. Jeder wusste, dass wir uns gleich verabschieden mussten, und trotzdem standen wir noch zu fünft zusammen. In mir hatte ich ein ganz großes Gefühlschaos: Es hat sich ganz normal angefühlt, mit meiner Familie zum Bahnhof zu fahren. Fast wie bei einem Ausflug.
Gleichzeitig wusste ich aber, dass das erst mal die letzte Autofahrt zu fünft ist und ich gerade am Ausziehen war. Dazu kam die Angst vor dem Abschied, der unmittelbar bevorstand. Und gleichzeitig die Freude, dass es jetzt endlich los geht. Ich wusste gar nicht, was ich fühlen sollte, und bin zwischen allen Gefühlen hin und her gesprungen.
Als dann der Zug da war ging alles ganz schnell
Ich habe jeden gedrückt, geweint und Tschüss gesagt. Zu meiner Familie und dem Leben, das ich die letzten Jahre geführt habe und so nicht mehr wieder bekommen werde. Das hat mich ganz schön traurig gemacht. Und dann bin ich gegangen. Schwer bepackt und weinend die Rampe hoch, weg von den anderen. Ich habe bewusst gesagt, dass ich weglaufen möchte und am Bahnsteig alleine stehen möchte. Ich hatte Angst, dass es sich nach „Verlassen werden“ anfühlt, wenn meine Familie nach dem Abschied vom Bahnsteig läuft und ich „zurückbleibe“. Und das war eine gute Entscheidung. Als ich am Bahnsteig angekommen bin, habe ich mich schon wieder beruhigt. Das Gefühlschaos war verflogen und ich konnte mich freuen, endlich aufzubrechen.
Das Vorbereitungsseminar in Brandenburg
Für die Zugfahrt habe ich mir vorher ein paar To-Dos aufgehoben, und auch das war gut. Bis ich in Berlin angekommen bin, war ich beschäftigt und habe somit gar nicht viel nachdenken können. Auch in Berlin hatte ich keine Zeit, traurig zu sein und den Abschiedsschmerz zu zelebrieren. Ich habe mir am Bahnhof schnell was zu essen geholt und bin dann zum Zug gegangen, mit dem ich nach Fürstenwalde gefahren bin. Da habe ich schon ganz viele andere Freiwillige meiner Organisation getroffen. Das war sehr spannend, weil ich mich auf der gesamten Fahrt und am Bahnhof immer wieder gefragt habe, ob jemand in meiner Umgebung das gleiche Ziel hat wie ich.
Das Ziel war Hirschluch, eine Jugendbegegnungsstätte, bei der unser Ausreiseseminar stattgefunden hat.
Mit den Freiwilligen, die ich in Berlin getroffen habe, bin ich ein Stück Zug gefahren. In Fürstenwalde wurden wir dann von zwei ehrenamtlichen Teamer*innen und einem Bus empfangen, der uns bis nach Hirschluch gefahren hat. Dort haben sich 108 Freiwillige getroffen, die alle in verschiedenen Ländern einen Freiwilligendienst mit ASF machen. Das war ganz schön viel. Vor allem, weil ich auch die letzten Tage zuhause immer mit anderen Menschen verbracht habe, um mich zu verabschieden. Bis ich mal wieder Zeit für mich hatte, musste ich mich also noch ein bisschen gedulden. Zum Glück waren aber alle super nett.
Das war eine riesige Gruppe aus Menschen, die ähnliche Werte haben und vor allem das gleiche Ziel. Und das war sehr schön. Man ist super schnell mit allen in Kontakt gekommen und hat in nur einer Woche richtige Freundschaften geschlossen.
Das Ziel des Seminars war es aber nicht nur neue Menschen kennenzulernen und sich auszutauschen. Wir hatten viele Seminareinheiten. In einigen haben wir Input zu unseren Arbeitsbereichen bekommen. Bei mir war das Engagement für Menschen mit Behinderungen. Wir haben Fallbeispiele besprochen, uns über unsere Sorgen ausgetauscht und ein paar pflegerische Tätigkeiten geübt. Ein anderer großer Teil waren geschichtliche und politische Workshops. Ich habe in einer Kleingruppe das NS-Dokuzentrum in Berlin besucht. Das war eine sehr volle Woche, nach der alle ganz schön k.o. waren. Es war aber auch eine sehr spannende Woche, in der wir alle viel gelernt haben.
Bis Bald Eure Jule

