Schüleraustausch nach England - Von Bergisch Gladbach nach Canterbury

Erfahrungsbericht von Paula, die ihr Auslandsjahr mit unserem Austausch-Stipendium in England verbringt

Hallo!

Ich heiße Paula und komme aus Bergisch Gladbach in der Nähe von Köln. Ich mache ein Auslandsjahr in Canterbury, Kent, England. Ich habe ein Taschengeld-Stipendium der Deutschen Stiftung Völkerverständigung erhalten.

Warum bin ich in den Austausch gegangen?

Auf die Idee zu diesem Auslandsaufenthalt bin ich gekommen, als wir in der Schule einen Prospekt für die SchülerAustausch-Messe in Bonn bekommen haben. Das war im April 2014. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich die Idee, mit einer Freundin zusammen auf ein Internat zu gehen. Ein Wunschland hatte ich nicht. Generell wollte ich ein Auslandsjahr machen, um neue Erfahrungen zu machen, selbständiger zu werden und natürlich eine Sprache zu lernen. Außerdem wollte ich neue Freunde finden und neue Menschen treffen, eine neue Kultur kennen lernen und mal etwas Neues ausprobieren. Meine Eltern sind mit mir nach Bonn gefahren. Auf der Messe hatten viele Austauschorganisationen einen Stand und es gab verschiedene Angebote, zum Beispiel Sprachreisen, Auslandsjahre, work-and-travel und Au-pair. Auch die Auswahl an Ländern, die für einen Auslandsaufenthalt zur Verfügung standen, war groß. Ich wollte definitiv in ein englischsprachiges Land gehen, habe mich aber gegen die USA entschieden, weil ich nicht das machen wollte, was alle machen.

Zu meinem Entschluss, England, kam es, als ich auf den Stand meiner Austauschorganisation gestoßen bin. Von meiner Idee, mit einer Freundin ins Ausland zu gehen, haben mir die Mitarbeiter der Organisation abgeraten, genau wie alle anderen, mit denen ich auf der Messe gesprochen habe.

Zu zweit zu sein führt dazu, dass man zwischendurch doch viel Deutsch spricht, was das Englisch lernen um einiges beeinträchtigt. Für die Austauschorganisation habe ich mich entschieden, weil mir gefallen hat, dass es eine sehr kleine Organisation ist. Die Organisation vermittelt nur Schulen und Gastfamilien in England. So kam dann die Wahl meines Austauschlandes zustande. Was ich an England gut fand war, dass es, obwohl es von Deutschland ja gar nicht so weit weg ist, doch ziemlich anders ist. Durch die kleine Organisation ist alles etwas persönlicher als bei einer Organisation, die Austauschschüler in alle Welt vermittelt.

Das Bewerbungsverfahren für den Austausch

Um mich zu bewerben füllte ich eine Anmeldung aus, woraufhin ich ein Bewerbungsschreiben zugesendet bekam. In diesem konnte ich Wünsche zu meiner Gastfamilie sowie eine erste Wahl der Schulfächer angeben. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich eine Zusage bekommen habe, da ich erst 15 bin und die englischen 'Grammar Schools', an die Austauschschüler normalerweise vermittelt werden, unter 16-jährige nicht annehmen. Letztendlich wurde doch noch eine Schule für mich gefunden. Es ist keine 'Grammar School', was für mich jedoch keine Rolle spielt. Da ich in Nordrhein-Westfalen lebe und somit nur acht Jahre auf dem Gymnasium habe, war die zehnte Klasse für mich die einzige Möglichkeit, einen Auslandsaufenthalt zu machen, da die elfte Klasse schon für das Abitur zählt.

Die Vorbereitung auf das Auslandsjahr

Zuerst haben wir einen Brief bekommen. In diesem wurde uns erklärt, worauf wir uns einstellen sollen und was in England anders ist. Das hat mir geholfen, denn so wusste ich, wie ich mich verhalten sollte. Anschließend gab es ein Vorbereitungstreffen. Dort wurde uns nochmal etwas erzählt, außerdem gab es Berichte von ehemaligen Austauschschülern und wir hatten die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Auch das war hilfreich. Ich habe mich besser gefühlt nachdem ich mal gehört habe, wie andere ihr Auslandsjahr so erlebt haben. Ein letztes Vorbereitungstreffen hatten wir an unserem ersten Wochenende in England. Es war schön, mal mit anderen Austauschschülern zusammen zu kommen und zu hören, wie sie die ersten Tage so erlebt haben, und es war auch gut, mal erzählen zu können, wie meine ersten Tage so waren. Außerdem hatten wir wieder die Möglichkeit, Fragen zu stellen.

Die Vorbereitungstreffen meiner Organisation haben mich gut vorbereitet, sodass ich an sonstiger Vorbereitung nicht viel gebraucht habe. Ich denke, es ist nicht sinnvoll, sich zu sehr auf das Auslandsjahr vorzubereiten, indem man zum Beispiel ausführliche Berichte von returnees ansieht, denn so entwickelt man eine sehr genaue Vorstellung, wie das Auslandsjahr sein soll.

Vermutlich wird das Auslandsjahr anders sein, als das eines Anderen war, jedoch muss das nicht heißen dass es schlechter ist, man sollte sich nur nicht zu genaue Vorstellungen machen, sondern das Ganze eher auf sich zukommen lassen. Ich habe zur Vorbereitung ein kleines Buch gelesen, in dem die englische Kultur und Sprache beschrieben ist. Ansonsten habe ich mich mit einer Freundin ausgetauscht, die schon ein halbes Jahr vor mir ins Ausland gegangen war.

Die Finanzierung meines Auslandsjahres

Mein Auslandsjahr bezahlen meine Eltern für mich. Auf das Taschengeldstipendium bin ich gekommen, als ich auf der Messe in Bonn mit Mitarbeitern der Deutschen Stiftung Völkerverständigung gesprochen habe. Da meine Eltern den größten Anteil des Auslandsjahres bezahlen, finde ich es gut, das Taschengeld "selber" zu finanzieren.

Der Abschied von zuhause

Der Abschied aus Deutschland fiel mir schwer, jedoch war es nicht so schlimm wie ich es mir vorgestellt hatte, da mir alles zum Zeitpunkt der Abreise ziemlich surreal vorkam. Traurig wurde ich erst nach den ersten Wochen in England, nachdem ich alles realisiert hatte. Zu meiner Familie und meinen Freunden halte ich den Kontakt über soziale Medien und Skype.

Heimweh

Mit dem Heimweh ist es immer unterschiedlich. Anfangs dachte ich, ich würde sehr wenig Heimweh haben. Aber es stimmt, dass ein Auslandsjahr wie eine Achterbahnfahrt ist. Mal habe ich Phasen wo ich gar kein Heimweh habe, mal würde ich am liebsten wieder nach Hause fahren.

Die Reise nach England

Für die Anreise konnte man entscheiden, ob man sie lieber von der Organisation geplant haben möchte oder privat organisiert. Jedoch gab es keinen zentralen Abreisetag. Die Abreise sollte in einem gewissen Zeitraum liegen, aber das genaue Datum konnten wir mit unserer Gastfamilie besprechen. Meine Eltern und ich haben entschieden, die Anreise privat zu organisieren. Ich bin mit dem Eurostar gefahren, zusammen mit einem Jungen der denselben Abreisetag gewählt hatte.

Die Fahrt bis Canterbury dauerte ca. 5 Stunden. Am Bahnhof wurde ich von meinem Gastvater abgeholt. Ich hatte vorher zu meiner Gastfamilie, bestehend aus Gastmutter und Gastvater, schon Kontakt per Email gehabt. Nach meiner Ankunft sind wir nach Hause gefahren, mir wurde alles gezeigt und anschließend bekam ich noch eine kleine Stadtführung. Am Abend habe ich auch meine Gastmutter kennengelernt. Im Zug hatte ich es mir noch überhaupt nicht vorstellen können, mit meiner Gastfamilie zu Abend zu essen, letztendlich war es dann aber doch nicht so komisch wie ich dachte. Am darauffolgenden Tag hatte sich mein Gastvater freigenommen, und ich habe einen Teil der Familie kennengelernt. Dann, an meinem ersten Wochenende in England, hatte ich samstags das Treffen mit der Organisation, und sonntags habe ich weitere Teile der Familie kennengelernt.

Meine Gastfamilie und warum ich die Familie wechselte

Mit meiner Gastfamilie habe ich mich gut verstanden und ich mag meine Gasteltern gerne, jedoch habe ich nach ca. einem Monat gemerkt, dass es irgendwie nicht so ganz passt. Ich habe mich in der Gastfamilie nicht so ganz wohl gefühlt. Als wir mit der Organisation einen Ausflug gemacht haben, habe ich mit den Mitarbeitern der Organisation darüber gesprochen. Mir wurde sofort angeboten, dass eine neue Familie für mich gesucht wird. Ich habe mich jedoch dazu entschieden, erst noch einmal abzuwarten, ob es sich nicht noch bessert.

Ein paar Wochen später kam eine englische Mitarbeiterin der Organisation, sozusagen die Koordinatorin für Austauschschüler mit einer Gastfamilie in Canterbury, zu uns in die Schule, um uns die Möglichkeit zu geben, ihr von unseren bisherigen Erfahrungen zu berichten und Fragen und Probleme zu besprechen. Zusammen haben wir entschieden, dass ein Gastfamilienwechsel für mich die beste Lösung ist, da ich mich nicht aufgrund von Fehlern meiner Gastfamilie unwohl gefühlt habe, sondern einfach weil es nicht passte. Es wurde schnell eine neue Gastfamilie für mich gefunden, was ich erstaunlich fand, da ich dachte dass die Suche für mich etwas komplizierter sein würde, weil ich Vegetarierin bin. Meine neue Gastfamilie wohnt ebenfalls in Canterbury und besteht aus Gastmutter, Gastvater und zwei Gastschwestern (3 und 7). Meine Koordinatorin kam und zusammen haben wir meiner jetzigen Gastfamilie erzählt, dass ich wechseln werde. Sie haben das verstanden und sind nach wie vor nett zu mir.

England ist anders!

Die Kultur ist in England schon ziemlich anders - obwohl es so nah ist. Ein Klischee stimmt, hier wird ohne Ende schwarzer Tee getrunken. Auch das Gerücht um die Fertiggerichte stimmt. Das Regal mit Fertiggerichten ist riesig, Möhren kann man geschält und geschnitten in Tüten kaufen. Salat gibt es in normalen Supermärkten auch ausschließlich in Tüten - aus Deutschland bin ich Salatköpfe gewohnt. Es stimmt auch, dass es hier den Trend gibt, Schokoriegel zu frittieren, probiert habe ich das aber noch nicht. Was für mich anfangs gewöhnungsbedürftig war ist der Linksverkehr. Das ist schon ziemlich verwirrend, wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist. Was mir sonst noch aufgefallen ist, ist dass Häuser häufig keine Klingeln haben, es wird einfach an die Tür geklopft. Das Klischee mit dem Teppich im Bad erfüllt meine jetzige Gastfamilie nicht, aber wenn wir Andere besucht haben, habe ich auch dass schon gesehen.

Schule in England

Meine Schule gefällt mir sehr gut. Sie ist deutlich größer als meine Schule in Deutschland, und auch besser ausgestattet. Es gibt eine kleine Bibliothek und einen großen Saal zum Mittag essen. Viele der Räume sind komplett mit Computern ausgestattet. Für die Oberstufe gibt es sogenannte 'Independant Study Räume'. Zu meinem Schulalltag: An dem Montag nach meiner Ankunft hatten wir ein Treffen in der Schule für alle Austauschschüler, wo wir dann auch unsere Fächer gewählt haben. Dienstags gab es eine Assembly für alle Schüler und Schülerinnen der sogenannten 'Sixth Form', sozusagen die englische Oberstufe. Der darauffolgende Mittwoch war der erste Schultag. Die Stundenpläne der 'Sixth Form' sind individuell, das heißt die Schüler haben Kurse und der Unterricht ist zu verschiedenen Zeiten (nicht wie in Deutschland täglich von 08.00 bis 13.00 Uhr oder 08.00 bis 16.00 Uhr). Den ersten Monat war ich also in Year 12. Ich habe versucht mit den Engländern ins Gespräch zu kommen, doch irgendwie hat es nicht geklappt und letztendlich habe ich dann doch viel Zeit mit den anderen Austauschschülern verbracht. An meiner Schule sind ca. 40, davon 35 aus Deutschland (allerdings nur 3 von meiner Organisation, und es ist auch etwas Besonderes an dieser Schule, dass es so viele Austauschschüler gibt, normalerweise ist das nicht so) oder der Schweiz. Ich war froh, überhaupt jemanden zu haben, aber so richtig zufrieden war ich nicht, weil ich ja gekommen bin, um englische Freunde zu finden und nicht Deutsche.

Nach ca. einem Monat habe ich gemeinsam mit der Schule beschlossen, dass Year 12 nicht das Richtige für mich ist, zumal ich meines Alters wegen in Year 10 gehören würde. Nach einem Monat in Year 10 zu wechseln wollte ich nicht. Das wäre eine große Veränderung - von der 'upper school' (Sixth Form) in die 'lower school' (Year 10), wo noch Uniform getragen wird. Ich wollte meine Fächer aus der Sixth Form, Photography, Business und Französisch, sowie GCSE Kurse in Englisch und Mathe, weiter machen. Daran hatte ich Spaß und ich wollte nicht die ganze Arbeit einfach wegwerfen. Zudem bekommt man in Year 10 keinerlei Qualifikationen. In der 'Sixth Form' bleiben wollte ich allerdings auch nicht, da man an allen Ecken gemerkt hat, dass ich dafür zu jung bin, zum Beispiel konnte ich nicht mit den Anderen ins Fitnessstudio, weil das erst ab 16 ist. Also kam mir die Idee, Beides zu verknüpfen. Die Manager von Year 10 und 12 haben viel Zeit investiert und etwas auf die Beine gestellt, was sie vorher noch nie gemacht hatten: einen Stundenplan der eine Mischung aus Year 10 und 12 ist.

Offiziell bin ich jetzt also ein Year 10 student, ich habe eine Uniform und folge ganz normal dem Unterricht (Mathe, Englisch, Sciene, Sport, Science, außerdem meine Wahlfächer; Food, GCSE Sport, Drama). Parallel mache ich meine Sixth Form Kurse (Business, Photography, Französisch) und GCSE in Englisch und Mathe. Zwei von drei Prüfungen für Englisch habe ich schon hinter mir, im Januar folgt Mathe. In Year 10 gefällt es mir besser. Für die erste Woche, als mein Stundenplan noch nicht fertig war, habe ich einen 'Buddy' bekommen. Das bedeutet, ich wurde einem Mädchen zugeteilt, dessen Stundenplan ich gefolgt bin. Da ich erst seit ca. 2 Wochen in Year 10 bin, würde ich nicht sagen, dass ich schon Freunde gefunden habe. Aber immerhin habe ich Leute, mit denen ich die Pausen verbringen kann. Mein Alltag sieht folgendermaßen aus: Ich habe Schule von 8.45 bis 15.00 Uhr, dienstags und donnerstags bis 18.00 Uhr (wegen meinen Sixth Form Kursen).

Nach der Schule gehe ich meist nach Hause, mache Hausaufgaben oder skype mit Familie und Freunden. Ein paar Mal habe ich mich auch schon mit Freunden getroffen. Samstags arbeiten meine Gasteltern, deshalb treffe ich meist Freunde, und sonntags mache ich meistens etwas mit meiner Gastfamilie, oder ich habe ein Hockey Spiel. Hockey spiele ich in Deutschland, und jetzt auch hier. Dienstags abends trainieren wir draußen, freitags drinnen. In Deutschland ist das etwas anders, wir haben von ca. April bis Oktober Feldsaison, den Rest des Jahres Hallensaison.

Englisch lerne ich ganz einfach...

Mit der Sprache komme ich besser zurecht als gedacht. Die meisten Leute verstehe ich ohne Probleme, auch dem Unterricht kann ich gut folgen. Auch das Reden fällt mir leicht, langsam fange ich an auf Englisch zu denken. Bei manchen Leuten, die einen Akzent sprechen, verstehe ich gar nichts, selbst wenn sie es drei Mal wiederholen. Irgendwann wird nochmal fragen zu peinlich, und dann hilft nur lächeln und nicken.

Meine Erfahrungen: Gastfamilie, Schule, Heimweh, Unterstützung durch meine Austausch-Organisation

Probleme und Schwierigkeiten habe ich abgesehen von der Gastfamilie, der Schule und dem Heimweh noch nicht gehabt. Bei der Gastfamilie hat meine Organisation mir wirklich sehr geholfen, sodass die Zeit bis zum Wechsel jetzt noch angenehm war. Mit der Schule muss ich sagen, dass wirklich alle Lehrer super nett sind und alles dafür tun, damit du zufrieden bist. Anders als in Deutschland durfte ich meinen Stundenplan mehrmals ändern lassen, Fächer abwählen, neu wählen... Auch während meines Wechsels in Year 10 wurde mir sehr geholfen.

Mit dem Heimweh sind das immer so Phasen, aber meine Familie und Freunde unterstützen mich da sehr und haben immer motivierende Worte. Was mir aufgefallen ist, ist, dass es hilft mit anderen Austauschschülern zu reden, da diese meist dieselben Probleme haben/hatten und so die Situation gut verstehen können. Meine Organisation hat das, was anfangs gesagt wurde, zum Beispiel dass die Gastfamilie gewechselt werden kann, wenn man sich nicht wohlfühlt, gut eingehalten. Ich bin sehr zufrieden mit meiner Organisation und habe überall wo ich Hilfe brauchte Hilfe bekommen.

Im Großen und Ganzen waren meine ersten Monate trotz einigem Rauf und Runter ganz gut und ich hoffe, dass es jetzt mit der neuen Familie noch besser wird.